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«Du stellst meine Füsse in weiten Raum»

Dieser Vers aus dem Psalm 31 ist der Titel des diesjährigen Hungertuches. So betet ein Mann oder eine Frau im biblischen Buch der Psalmen. Ich mag diesen Vers, genauer gesagt: ich mag dieses Gefühl, das in ihm steckt. Wenn ich die Augen schliesse, dann ist es, als könnte ich es mit dem ganzen Körper spüren. Wenn ich meine Füsse fest auf den Boden stelle und meine Arme ausbreite; wenn ich den Rest der Welt um mich herum vergesse und einmal tief einatme, dann spüre ich, wie mir dieser Satz Luft verschafft. Der Raum um mich wird weit, egal wie eng es gerade um mich oder uns herum ist.

«Du stellst meine Füsse in weiten Raum».

Der gebrochene Fuss sticht in diesem dreiteiligen Bild ins Auge. Als Grundlage diente der Künstlerin Lilian Moreno Sánchez ein Röntgenbild. Es zeigt den Fuss eines Menschen, der im Oktober 2019 in Chile gegen die soziale Ungleichheit im Land demonstrierte und dabei verletzt wurde. Besonders junge Demonstrantinnen und Demonstranten wehrten sich dort gegen die steigenden Lebenskosten und die dadurch zunehmende soziale Ungleichheit.
 
Dieser Fuss steht für die Verletzlichkeit der Menschen, aber auch für die Verletzlichkeit der Systeme, in denen wir uns bewegen. Die Corona-Pandemie zeigt uns eindrücklich, wie das Fundament der Gesellschaft oder das, was wir dafür halten, schnell ins Wanken gerät. Die Schöpfung als Summe und Grundlage allen Lebens ist seit längerem durch die Klimaerwärmung bedroht. Dabei zeigt sich, dass wir Menschen, nebst unserer eigenen Verletzlichkeit, auch andere verletzen können.
Weiten Raum und damit die Erfüllung der Psalmverheissung fordern Menschen auch an anderen Orten in der Welt. Sei es gegen soziale Ausgrenzung oder für eine Klimapolitik, die den weiten Raum auch künftigen Generationen offenhält.
Gerne geht vergessen, dass die Verwundbarkeit von Natur und Mensch in gegenseitiger Abhängigkeit steht und eine intakte Schöpfung die Voraussetzung für gesundes Leben ist. Im Bild kommt mit den goldenen Blumen und Nähten zum Ausdruck, dass wir nicht im Leiden verharren sollen, sondern gerufen sind, Wege in den weiten Raum der Solidarität, der Hoffnung und der Liebe zu gehen.

«Du stellst meine Füsse in weiten Raum».

In den letzten Tagen sind unsere Räume enger geworden. Viel enger als wir es jemals gewohnt waren. Wir sollen Zuhause bleiben. Wir sollen von anderen Abstand halten, mehr Raum zwischen uns und anderen lassen. In den Läden, aber eigentlich überall, sehen wir Markierungen auf dem Boden und an den Wänden; durch die Lautsprecher werden wir immer wieder angehalten, Masken zu tragen und Abstand zu halten. 
 
Eigentlich haben wir jetzt mehr Luft um uns, mehr Platz: Niemand kommt uns zu nahe, weder Fremde noch Bekannte. Kein Kind wird mehr gezwungen, artig die Hand zu geben oder sich vom Nani umarmen und küssen zu lassen, auch wenn es das eigentlich gar nicht will. 
 
Blöd ist nur, dass wir Menschen so kompliziert sind. Eben hat sich manch einer noch nach „mehr Raum für sich selbst“ gesehnt; eben war man noch froh, die Couch und den Fernseher mal einen Abend für sich alleine zu haben – und jetzt fühlt sich das leider gar nicht mehr nach einem Freiheitsgewinn an. 
Eben noch haben sich Mütter und Väter gewünscht, mal mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können - und jetzt sitzt man zusammen in der Freizeit-Falle: alles hat zu, man soll sich nicht unter Menschen begeben; von weitem Raum keine Spur, stattdessen fällt einem so langsam die Decke auf den Kopf. 
 
Ich bin mir sicher, dass der Beter des Psalms 31 mit dem «weiten Raum» auch nicht etwa den sichtbaren Raum gemeint hat, den er vor sich gesehen hat. Gemeint ist vielmehr der weite Raum Gottes, in den er sich stellt.
 
Das hat er auch nötig, denn dieser Mensch, der dort betet, hat gerade alles andere als weiten Raum unter seinen Füssen. Der Psalm erzählt von Feinden, die ihn verfolgen, gar von Fallen, die sie ihm stellen. Er erzählt von Menschen, die ihn verspotten; von Nachbarn und Freunden, denen er zur Last geworden ist - und das schon seit vielen Jahren.
 
Und genau dieser Mensch spricht aber eben auch diese Worte: «Du stellst meine Füsse auf weiten Raum.»
 
Wenn wir uns diesen Menschen genau ansehen, dann bekommt der weite Raum sicher eine andere Farbe als wir es uns beim ersten Hören vorstellen. Ich merke, dass der Boden unter den Füssen dieses Beters gewackelt hat. Sein Weg war alles andere als absehbar. Und sein Lebensraum verdammt eng. 
 
Aber sein Schritt wird fest, als er sich in die Weite Gottes stellt. Sein Vertrauen auf Gott ist das Fenster, durch das Licht von draussen auf sein Leben fällt und durch das frischer Wind weht. Sein Vertrauen auf Gott lässt ihn durchatmen und zur Ruhe kommen, egal wie schwierig und unabsehbar es gerade in seinem Leben läuft. 
 
Das erlebten auch die Jünger Jesu, die mit ihm auf dem Berg waren. Sie erlebten, dass die Verbindung Jesu mit seinem Vater den engen Raum des Irdischen sprengt.
 
Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie in diesen Tagen Ihre Füsse auf den weiten Raum Gottes stellen können. Behalten Sie diesen Satz des Beters für die nächsten Wochen im Ohr, wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Es ist ein Wort des Vertrauens, wenn Wege wackelig und Räume eng werden; ein Wort zum Durchatmen.

Roger Rütti, Mitwirkender in der Pastoralraum-Liturgiegruppe, gehalten im Gottesdienst am 2. Fastensonntag, 28.02.2021, Selzach.